Jürgen Berus Autorenhomepage

Gestorben wird immer, gelebt aber in bizarren Dimensionen

Skurrile Kurzgeschichten über den Tod und das Leben

 

 

In den Lebensläufen der meisten Menschen entstehen stets Geschichten, die dem normalen Bedürfnis des Alltagsgeschehens entsprechen. Dessen ungeachtet wollen stellenweise selbst ungewöhnliche Einmaligkeiten erfolgen, getragen von den seltsamen Launen der Natur. Die Außergewöhnlichkeit dieser Geschehnisse kann für manche Personen etwas Einzigartiges darstellen, die so in ihrer Art niemals geschehen würden. Können sie sich etwa so in ihrer Art zutragen, ohne jemals wirklich bewiesen werden zu können? Der schmale Grat zwischen Wahrheit und Fiktion lässt keine echte Vermutung zu, die die Geschichte als echt oder gefälscht erscheinen lässt.

Die Summe der Erzählungen handeln vom Tod, die das Leben in seinen vielfältigen Facetten beschreibt. Vom Verlust eines geliebten Menschen oder einer Sache, von bekannten oder unbekannten Elementen, die eine Metamorphose durchmachen, oder von gewohnten Strukturen, die durch überzeugten Eifer einen Neuanfang interpretieren.

Mal ist es der Abschied von einem geliebten Menschen, dann eine Idee, die wiederum das Gesamtbild eines Einzelnen oder der Allgemeinheit verändert. Zuweilen ohne eine Aussicht auf Wiederkehr, dann aber mit einer Wiedererscheinung in das gewohnte Ambiente, jedoch mit dem Wissen des Erlebten und dem Resultat, dass nichts mehr so ist wie vorher.

 

 

Inhaltsverzeichnis

  • Auf der Höhe meines „Lebens“
  • Der Seelenhain
  • Geröstet und vergessen
  • Aufgeschoben
  • Der Weltenheiler
  • Die neue Chipgeneration
  • Die Mutprobe
  • Das Geburtstagsgeschenk
  • Die Geschäftsabgabe
  • Unsichtbar und Fern des Materiellen
  • Kontrollstrukturen
  • Die Prophezeiung
  • Entgegen unseren Kindern
  • Ungewöhnliche Vorboten
  • Verdorbener Trinkgenuss
  • Das ewige Spiel der Wiedergeburt
  • Der Tod, der keiner war
  • Vorgestellte Ideen währen am Längsten
  • Jaime, die Seherin
  • Einsam und verloren

 

Leseprobe

Kontrollstrukturen

Eigentlich hielt ich nichts davon, meine Mitmenschen auf Schritt und Tritt zu überwachen und wenn ich in den Medien von diesen neuzeitlichen Überwachungskampagnen einiger Großstädte hörte, dann schüttelte ich den Kopf und fragte mich, wohin das denn noch hinführen sollte. Überwachungsstaat…. Polizeibastion oder Security- Macht, wo niemand mehr seine Privatsphäre hat. Mussten wir uns dies gefallen lassen? Waren denn alle blind? 

Mit der Zeit wurde es zur Normalität, dass sich immer mehr Städte, die es sich leisten konnten, solche Überwachungsapparaturen installierten. Überwachungspersonal wurde eingespart, wobei ein einziger Wachmann eine ganze Innenstadt überwachen konnte, ohne vom Wetter überrascht zu werden. 

Seit einigen Wochen hatte ich einen neuen Job und da ich in der neuen Firma recht gut verdiente, wollte ich mir und meiner Familie auch etwas Gutes tun. Also mietete ich uns ein kleines Einfamilienhaus in dem wir erstens mehr Platz hatten und zweitens komfortabler leben konnten.  

Aber bereits nach einem Monat hatte ich die ersten Probleme mit irgendwelchen Rabauken, die die Hausfassade unserer neuen Wohnstatt beschmutzten. Selbsternannte Graffiti Künstler hatten sich doch tatsächlich erdreist, in einer Nacht- und Nebelaktion, unser Lebensumfeld zu bekleckern. Die ganze Hauswand sah aus, als wenn eine Horde Kleinkinder ihre ersten Malversuche an unserem Haus ausprobierten.  

Und rein zufällig sah ich am nächsten Abend in den Nachrichten, wie sich eine größere Stadt vor ähnlichen Übergriffen der Graffiti Randalen zu schützen versuchte. Der ganze Hauptbahnhof wurde mit einer Menge Kameras ausgestattet, die die ganze Anlage systematisch einer Kontrolle unterzog.  

Die Nase rümpfend stand ich auf und sinnierte darüber, was das Volk noch auf sich nehmen musste um endlich wach zu werden.

Meine Wand bekam ich dadurch aber nicht sauber. Ich dachte, dies war bestimmt eine einmalige Aktion, ich werde mir morgen erstmal ein Eimer Farbe kaufen, um am Wochenende diese Schweinerei wieder zu beseitigen.  

Gesagt getan, bereits am nächsten Morgen kaufte ich mir die nötigen Utensilien und ließ am Nachmittag meiner Kreativität freien Lauf. Am Abend dann begutachtete ich meine Hauswand und war restlos zufrieden.  

In den nächsten Wochen war Ruhe angesagt. Meine Hauswand erstrahlte im hellen Glanz und ich erfreute mich an der Harmonie in meiner Umwelt. Dies ging noch ein paar Tage so, bis dann wieder diese Hauswandpiraten angriffen. 

Ich fiel fast vom Stuhl, als mir meine Frau von dem erneuten Farbangriff berichtete. Ich musste mir also eine Strategie ausdenken, um meine Hauswand vor diesen Angriffen zu schützen. Wie wäre es, wenn ich die Beschmutzer auf frischer Tat ertappte. Also legte ich mich, nachdem ich die Fassade wieder mal neu gestrichen hatte, auf die Lauer. 

Nach nächtelangem Ausharren und vielen schlaflosen Nächten erinnerte ich mich daran, wie sich andere vor diesen Ausbrüchen schützten. Meine anfängliche Disharmonie gegenüber dieser Überwachungstechnik schien wie weggeflogen. In mir regierte nur der unbedingte Wille, diese Verbrecher dingfest zu machen.

Ich kaufte mir also eine Überwachungsanlage mit Monitor, Aufzeichnungsgerät und zwei Kameras, die ich in der richtigen Position vor unserem Grundstück aufbaute. Und da ich die Täter auch erwischen wollte, installierte ich die Kameras so, dass sie von niemanden entdeckt werden konnten. 

Da ich aber gegen diese Art von Aufsicht bin, entschloss ich mich, nach der Überführung der Täter, die Anlage wieder abzubauen. Mir ging es nur darum, die Beschmutzer dingfest zu machen.  

Schon nach einigen Tagen hatte ich Erfolg, die Schärfe mit der ich die Gesuchten aufgenommen hatte, übertraf meine Erwartungen. Ich stellte die Gesuchten zur Rede und seitdem brauchte ich mir keine Sorgen mehr zu machen. Meine Hauswand wurde neu gestrichen und meine Welt schien wieder in Ordnung zu sein.  

Trotz dieses Erfolgserlebnisses konnte ich mich jedoch nicht dazu entschließen die Überwachungsgeräte abzubauen. Zu viele Ereignisse, die sich vor meiner Haustüre ereigneten, zogen meine Aufmerksamkeit an. Es war interessant zu beobachten, was da draußen vor sich ging. So beschloss ich, erstmal alles so zu belassen wie es war.

Eines Tages kam mir die Idee, etwas mehr am Leben meiner Familie teilzuhaben. Insbesondere machte ich mir Gedanken darüber, das ich so gut wie nichts von der Entwicklung meines zwei jährigen Jungen mitbekam, da ich die meiste Zeit tagsüber in der Firma verweilte. Gerade in den ersten Lebensjahren wurden so viele neue Fähigkeiten entwickelt, wie sonst im ganzen Leben nicht mehr. Und dies wollte ich nicht verpassen.

Um aber daran teilzuhaben konnte ich entweder meinen Job schmeißen oder ich musste mir etwas einfallen lassen, um meinem Sohn etwas näher zu kommen. Und was lag da näher, als die Technik zu benutzen, die ich schon insgeheim zu schätzen gelernt hatte.

Also besorgte ich mir noch eine Kamera, die ich an die bestehende Anlage anschloss. Ein zweiter Monitor bekam seinen Platz neben den ersten und nichts stand meiner Wissbegier mehr im Wege.

Tagsüber war ich im Büro und abends schaute ich mir an, was mir meine Kameras aufgenommen hatten. Zur besseren Übersichtlichkeit notierte ich mir die wichtigsten Ereignisse in eine Art Tagebuch.

Meine Frau unterstützte mich bei diesem Vorhaben und oft saßen wir auch abends zuhause vor dem Monitor, wobei sie mir mit hilfreichen Kommentaren die Geschehnisse erklärte. Durch all diese positiven Begebenheiten wurde ich in meinem Tun bestätigt.                 

Wochen und Monate vergingen und unser Familienleben entwickelte sich zu einem sehr harmonischen Miteinander. Ich verpasste keine Aktivität meines Sohnes und brauchte somit auch keine Angst mehr zu haben, etwas zu verpassen.

Aber so gut wie unser Familienleben auch war, irgendwann tauchten kleine Gewitterwölkchen am Horizont auf. Wie in fast jeder Familie, die Mitglieder im heranwachsenden Alter hatten, gab es auch bei uns Probleme mit unserer Tochter im Teenyalter. Oft gab sie sich so, als ob sie schon erwachsen wäre, dann wiederum mupfte sie auf und verhielt sich wie ein kleines Kind. Und dann waren da noch die Geheimnisse, die sie mit sich herumtrug.

Um aber herauszufinden, was in meiner Tochter vorging, vergaß ich meine alten Grundsätze und versuchte herauszufinden, was sie bewegte. Aber so einfach war dies nicht, immer versuchte sie auszuweichen. Ich musste anders an ihre Geheimnisse herankommen.

Also installierte ich zwei weitere Mini- Kameras in unserem Haus. Eine in ihrem Zimmer und eine weitere im Flur vor dem Zimmer. Meiner Frau sagte ich diesmal nichts. Ich dachte mir, dass sie vielleicht etwas dagegen hatte, da ich dann zu tief in die Privatsphäre unserer Tochter herumstocherte. Also behielt ich es für mich.

Nach ein paar Wochen aktiver Beobachterei kam ich hinter das Geheimnis meiner Tochter. Ich stellte sie zur Rede, tat aber so, als ob mir ihr Geheimnis von anderen Quellen zugetragen worden ist. Wir sprachen uns aus und alles war wieder in Butter.

Und dann sah ich eines Tages eine Kamera, die mit den Beobachteten sprach. In einer englischen Großstadt wurde dieses Gerät bereits in einer belebten Region erfolgreich eingesetzt. Kleinere Umweltsünder konnten so bereits zu einem umweltbewussten Umgang mit Abfallprodukten erzogen werden.   

Dies war eine hervorragende Idee dachte ich, so kann man wenigstens kommunikativ eingreifen, wenn irgendwelche erzieherischen Anweisungen wirklich fruchten sollen. Auch konnten solche Eingriffe manchmal das Leben erheitern. Aber diesmal musste ich meine Familie bzw. meine Frau einweihen.

Zwar war sie nicht so sonderlich begeistert, aber als ich ihr erzählte, dass ich die Kamera in beiden Richtungen installiere, schien ihr Widerstand gebrochen.

Nach einigen Tagen war es dann soweit. Vier weitere Kameras wurden befestigt und der Platz in meinem Arbeitszimmer unterm Dach wurde knapp. Ich musste mir bald eine andere Bleibe suchen. Die Idee, den Keller für meine Zwecke einzurichten, hegte ich schon seit längerer Zeit.

Und irgendwann hatte ich auch keine Skrupel mehr, den einzigen beobachtungsfreien Raum in unserer Wohnung zu vernetzen. Bisher war das Badezimmer eine neutrale Zone gewesen, aber nun musste auch diese letzte Bastion fallen.

Aber dies musste sehr geheim bleiben. Also suchte ich mir eine Hochauflösende Minikamera, die ich in das bunte Muster der Badezimmerlampe hineinbaute. 

Mein neues Hobby hatte mich so sehr in Bann gezogen, so dass ich mir nun eine Arbeit suchte, die ich von zu Hause ausüben konnte. Ich baute mir den Keller aus und richtete mir dort ein Arbeitszimmer ein. Die hintere Wand wurde mit den mittlerweile neun Monitoren bestückt, die allesamt mit den zahlreichen Kameras verbunden waren. Darüber hinaus schloss ich noch zwei Computer an die gesamte Anlage an. Was für Möglichkeiten sich mir dadurch bieten würden, davon konnte ich nur träumen.

Und so saß ich dann manchmal den ganzen Tag in meinem Kontrollstudio vor den Monitoren und beobachtete das Treiben meiner lieben Familie. Mir entging nichts. Im Babyzimmer sah ich sofort, wenn das Baby aufwachte und nach seiner Milch schrie. Ich sah, wer sich in der Nähe aufhielt und gab Anweisungen zur Behebung des Problems. Ich sah, wie sich mein zweijähriger Sohn weiterentwickelte und konnte jederzeit beobachten, was meine Tochter so trieb. Mit meiner Frau konnte ich allzeit in Kontakt treten und was sich vor meiner Haustür ereignete, das erfasste ich immer sofort.

Probleme jeder Art konnten sofort im Keim erstickt werden und so manch eine Verschwörung konnte ich bereits aufdecken.

Längst hatte ich die Kameras mit dem Internet verbunden und brauchte, wenn ich mal auf Reisen war nicht auf meine gewohnte Betätigung zu verzichten. So war ich auch in der Ferne nicht ganz von der Außenwelt abgeschnitten.

Aber wenn man sich mit irgendeiner Thematik sehr stark auseinandersetzt, dann wächst man mit diesem Gegenstand und will sich in diesem Bereich immer mehr engagieren. Und so erwägte ich bereits eine Erweiterung meines Sichtfeldes.

Wie wäre es, wenn ich mir noch einige Funkgesteuerte Kameras in meiner unmittelbaren Umgebung aufstellen würde, entlang der Strasse und auch vor den Fenstern meiner unmittelbaren Nachbarn. So entging mir nichts, was meiner Nähe so vor sich ging. Alle mussten dankbar sein, das ich über sie wachte.

Und falls meine Angehörigen mal außer Haus waren, wie Schule, Einkaufen, etc. so gab es ja auch für diese Anforderung bestimmte Spezialmodelle, die per Funk zu empfangen waren. Und diese Wundermaschinen waren so klein, dass sie einem nicht sofort ins Auge sprangen.

Ach war das ein tolles Gefühl, immer auf dem neuesten Stand zu sein, ohne erst lange herumdiskutieren zu müssen und die langwierigen Frageprozesse brauchte ich auch nicht mehr zu erdulden. All das gab es für mich nun nicht mehr. Schwarz auf Weiß wurde mir nun alles präsentiert.

Geheimnisse in meinem unmittelbaren Umfeld gab es für mich keine mehr und ich war restlos zufrieden. Es war, als ob ich in der Erkenntnisebene ein wenig höher gerutscht wäre.

© Copyright 2006 by Jürgen Berus

 

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Gestorben wird immer, gelebt aber in bizarren Dimensionen

 

Gestorben wird immer, gelebt aber in bizarren Dimensionen

 

BoD Verlag

Taschenbuch:

172 Seiten

(10. 2007)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3837008623
Preis: 12,48 Euro